Seelsorge in Einrichtungen
Ein-Blick in die Gefängnisseelsorge

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Mitmenschen im Pastoralverbund Detmold!

Anfang Oktober wurde für die Seelsorge in der JVA Detmold gesammelt. Dabei sind fast 600,- € zusammengekommen, Geld das für die Seelsorge in der JVA Detmold bestimmt ist. Für diese Unterstützung möchte ich mich bei ihnen ganz herzlich bedanken, und damit sie wissen, wie und wofür dieses Geld eingesetzt wird, möchte ich ihnen der Seelsorge im Gefängnis und die Mitarbeit einiger Mitglieder unseres Pastoralverbundes erzählen.

 

Die JVA Detmold

Die Justizvollzugsanstalt Detmold wurde 1961 als Untersuchungshaftgefängnis erbaut. Sie liegt ca. einen Kilometer von der Hl.-Kreuz-Kirche entfernt (hinter dem Autohaus Stegelmann).

Ausgelegt ist die JVA Detmold für die Aufnahme von 169 Gefangenen; belegt ist sie im Schnitt mit 185 Männern. Tätig sind hier etwa 85 Bedienstete. Untergebracht sind hier zu etwa einem Drittel Untersuchungsgefangene und im Übrigen Strafgefangene mit kurzen bis hin zu sehr langen Freiheitsstrafen. Innerhalb der Anstalt gibt es gibt es eine Abteilung mit 22 Haftplätzen für lebensältere (ab 55 Jahren) Gefangene und eine sozialtherapeutische Abteilung für Gewalt- und Sexualstraftäter mit insgesamt 15 Haftplätzen.

Die Menschen in meiner Seelsorge

Bei meiner Arbeit begegnen mir die Männer, welche in der JVA inhaftiert sind und die Menschen, die dort arbeiten oder sich ehrenamtlich engagieren. Jeder und jede Einzelne dieser Menschen hat eine eigene Lebensgeschichte die dazu führte, dass der- und diejenige mir als Gefangene(r) oder als Bedienstete(r) im Gefängnis begegnet.

Vor allem begegne ich mir immer wieder selber: In den Gefangenen, die eine ähnliche Biografie der Kindheit und des Jugendalters hatten wie ich, mit allen frohen Erlebnissen, Verletzungen und Sehnsüchten. In den Bediensteten mit ihren alltäglichen Sorgen, Nöten und Freuden als Vater und Mutter, in ihren Enttäuschungen in Bezug auf eine Mitarbeiterpflege ihnen gegenüber, in ihrem „Gerne im Vollzug arbeiten“, in ihrem Wunsch nach Kollegialität und in ihrem Wunsch nach entsprechender Würdigung ihrer Arbeit und manchmal auch in ihrem Frust gegenüber dem gesamten System des Justizvollzugs.

Diesen Menschen, die oftmals ein Spiegelbild meiner selbst sind, möchte ich als Mensch gegenüber treten und sie in ihrem Menschsein und in allem, was ihr Leben beinhaltet, ernst nehmen.

Anthropologische und theologische Grundannahmen, die mich bei meiner Arbeit im Gefängnis leiten

Die biblische Kernaussage zum Verständnis von Mensch-Sein findet sich im Schöpfungsbericht Genesis 2,7. Dort heißt es: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ Der Mensch wird also zu einem lebendigen Wesen, indem Gott ihm den Lebensatem einhaucht, nicht irgendeine Seele haucht Gott dem Menschen ein, sondern seinen eigenen göttlichen Geist. Dadurch wird der Mensch zu einem Lebewesen, zu einem lebendigen Wesen. So hat der Mensch keine Seele, sondern der Mensch ist, solange er am leben ist, als ganzes Seele. Genesis 2,7 ist anthropologisches Fundament von Seelsorge und inhaltlichem Seelsorgeverständnis.

Das zentralste Merkmal biblischer Anthropologie jedoch ist, dass der Mensch zum Bundespartner Gottes von diesem selbst erwählt wurde. Deshalb können wir Menschen uns darauf verlassen, dass die Zuwendung Gottes durch keinerlei menschliches Verhalten oder Nicht-Verhalten versiegt. Damit sind wir Menschen freie und entscheidungsfähige Wesen und können die Gestaltung unseres Lebens selbst aktiv in die Hand nehmen. Das heißt aber auch, dass wir Menschen nicht nur zum Guten, sondern auch zum Bösen fähig sind. Von daher gilt es ebenfalls den Menschen in seiner Gebrochenheit, mit seinen Abgründen ernst zu nehmen.

 

Was möchte ich durch meine Seelsorge ermöglichen und bewirken?

Der Auftrag, den mir als Gefängnisseelsorger das Evangelium gibt, ist so einfach und konkret, wie kaum ein anderer. Jesus sagt: „Ich war im Gefängnis, und du hast mich besucht.“ Nichts sonst – einfach besucht. Gefangenen beistehen und ihnen ein Mensch zu sein ist das Wichtigste. Ich möchte die Menschen in der JVA (Gefangene und Bedienstete) unvoreingenommen annehmen und ihnen als Mensch begegnen.

Ich bestärke die Inhaftierten in ihrem Bemühen, umzukehren und ein sinnerfülltes Leben ohne Straffälligkeit zu führen und begleite sie auch dahingehend, dass sie ihr bisher von Delinquenz geprägtes Leben als ihr Leben annehmen. Leben ist im Gefängnis möglich. Ich sehe die guten Seiten jedes Menschen und dem Versagen und den Abgründen des Menschseins ins Auge, ohne mich darüber zu erheben oder ständig abgrenzen zu müssen. Das ermöglicht Begegnung. Bei all dem gibt es häufig Situationen, in denen es nur möglich ist, Verzweiflung und Ausweglosigkeit auszuhalten und vor Gott zu tragen.

Als „Mann der Kirche“ komme ich mit Menschen ins Gespräch, die die Kirche sonst nicht erreicht. Zudem möchte ich die Gemeinden und Seelsorgeeinheiten für den Justizvollzug und für straffällig gewordene Menschen mit ihren Angehörigen sensibilisieren. Das tue ich, indem ich Gemeindemitglieder unseres Pastoralverbundes, motiviere, sich z.B. in einer Kochgruppe zu engagieren. Diese Art von christlicher und kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit trägt zur Überwindung von Vorurteilen gegenüber Gefangenen und Strafentlassenen bei.

Neben konkreten diakonischen Tun (Pakete, Kontakt zu den Familien, Begleitung von Ausgängen, Unterstützung bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft, etc.) sehen die Menschen in mir vor allem einen Gesprächspartner, der ihnen zugewandt ist und ihnen zuhört. Durch regelmäßigen Kontakt und regelmäßige Gespräche entsteht eine für den Gesprächspartner stärkende, kritische und unterstützende Begleitung durch mich.

 

Welche Möglichkeiten und Grenzen bei der Realisierung meiner Seelsorge erlebe ich?

Wer aber im Strafvollzug sinnvoll wirken will, muss sich in dem schwierigen Terrain auch in Kenntnis der vielfältigen Traditionen, die nachwirken und gerade auch die Verflechtung von Kirche und Strafgeschehen betreffen, eine Position schaffen. Er darf und braucht es auch nicht allen recht machen. Aber er muss verdeutlichen, dass er jedem mit Achtung und Wohlwollen begegnet und keines Vertrauen enttäuscht. Dann wird er sich ein Wirkungsfeld erobern, in dem er nicht an kleinliche Grenzen aneckt.“ (Böhm, „Gefängnisseelsorge aus juristischer Sicht“, Mainz 1994)

Zu Beginn meiner Tätigkeit als Seelsorger in einer JVA habe ich ein erhebliches Misstrauen mir gegenüber seitens der Bediensteten erlebt.

Die klaren Strukturen und gesetzlichen Regelungen, denen die JVA unterliegt, können sich einerseits oftmals als Hindernis für meine Arbeit erweisen, andererseits aber auch einen rettenden Charakter haben. Es ist für mich hilfreich, dass es innerhalb der JVA Grenzen gibt, die auch die Seelsorge vor übermotivierten diakonischen Tun bewahren, vorausgesetzt, ich kenne die Grenzen und akzeptiere sie.

Für mich ist es hilfreich, sich innerhalb eines klaren Rahmens, in dem meine Seelsorge und ich sich entfalten können, zu bewegen. Der Rahmen macht deutlich, was geht und was schwierig ist oder gar nicht realisierbar ist. Das gibt mir ein hohes Maß an Sicherheit in meinem Tun.

Nach nunmehr fünf Jahren in der JVA Detmold erlebe ich zunehmend, dass mir die Bediensteten und die Anstaltsleitung Vertrauen entgegen bringen, weil sie merken, dass ich transparent bin und konstruktiv mitarbeite.

Zurzeit habe ich das Gefühl, dass ich mir (zumindest in der JVA Detmold) ein seelsorgliches Wirkungsfeld erobert habe, in dem mir viele Türen geöffnet werden.

 

Das Engagement der Mitglieder im Pastoralverbund

Im Laufe des vergangenen Jahres hatte ich zur Mitarbeit bei einem Kochprojekt in der JVA Detmold aufgerufen. Inzwischen hat sich hier ein Kreis aus insgesamt neun Männern und Frauen gebildet, die interessiert und aktiv dieses Projekt tragen. 14-tägig kommen jeweils zwei bis drei Personen mit einem Korb voll Lebensmitteln in die JVA um dort auf der Abteilung für lebensältere Gefangene mit diesen zu kochen und gemeinsam zu essen.

Beim Kochen und gemeinsamen Essen ist man sich nahe. Menschen kommen durch das gemeinsame Tun und beim Essen in Kontakt und ins Gespräch. Jesus selbst stellt das Teilen von Brot in den Mittelpunkt seines Lebens. Das Reich Gottes beschreibt er in Gastmählern, zu denen alle geladen sind und bei denen es für alle genug zu essen und zu trinken gibt. Jesus lädt Arme und Sünder zur Tischgemeinschaft ein.

So lernen die Menschen des Pastoralverbundes die Lebenswelt der Gefangenen und die JVA in Detmold kennen und die Gefangenen knüpfen Kontakt nach außen.

Jeder dieser Kochabende kostet ca. 50,- €. Davon wird die Hälfte durch die Gefangenen selber getragen. Die andere Hälfte und die Kosten für die Beschaffung von Kochgeschirr, Tischgeschirr, ordentlichem Kochbesteck etc. werden u.a. durch die Kollekte des Pastoralverbundes finanziert.

Weiterhin wird Ihre Spende für die Anschaffung einer Audio- und Videoanlage eingesetzt. Dadurch kann das Projekt Kirche & Kino in der JVA Detmold realisiert werden. In der Beschreibung dieses ökumenischen Projektes u.a. des Erzbistums Paderborn und der Evangelischen Kirche von Westfahlen heißt es: „Kirchen und Kino: ein Verhältnis zwischen heftiger Ablehnung und gesuchter Nähe. Dabei sind die Berührungspunkte größer als gemeinhin angenommen, denn zentrale Momente eines jeden Lebens: Liebe, Hoffnung, Treue, Hingabe, Vertrauen, Leiden, Sterben, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Lebens- und Liebessehnsucht sind die Themen des Films, aber auch Kernthemen christlichen Glaubens. Gründe genug, dass die Christen und der künstlerisch autonome Film sich gegenseitig wahrnehmen und ihr jeweils eigenes Wissen, wie denn Leben gelingen könnte, ins Gespräch bringen." Auch an diesem Projekt nehmen Mitglieder des Pastoralverbundes teil.

 

Ich habe ihnen eine Menge über meine Arbeit im Gefängnis, meine Motivation dort tätig zu sein und über einen Teil des Engagements der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erzählt. Gerne bin ich bereit auf Anfrage hin ausführlicher zu berichten.

Ihnen allen wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest und Gottes Segen für das Jahr 2009

Ihr

Lothar Dzialdowski, Diakon und kath. Seelsorger der JVA Detmold und Bielefeld-Brackwede 1




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